BEIDES – dritte Textauswahl vom 21.09.2014

 

*   *   *

 

Das Umfeld der Parfümkühe


Der Duft von Parfümkühen im Aufzug
lähmt das Denkvermögen;
der Aufenthalt engelhafter Gestalten
auf den Dächern der Hochhäuser
treibt die Selbstmordrate hoch

beide, so weit entfernt von
den Sorgen des alltäglichen Lebens
wie ein Regenwurm von der Klimakrise;

weltweit greifen Wohlstandsheinis
nach der Macht;
die Ausgezeichneten kassieren Unsummen
oder wandern in den Knast
oder lassen sich freikaufen
um sich erneut mit Parfümkühen zu treffen;

die engelhaften Gestalten
werfen ihre Masken in den Müll
und rücken ihre Strapse zurecht;

der Verfall der guten Sitten
hat längst stattgefunden -
Ethik, Moral, Wahrheit und Höflichkeit
hat man im Archiv der Gutmenschen
eingemottet.


*   *   *

Von Anfang an

Der Anfang ist gemacht
Ich werd über einem Abgrund balancieren
Und mich neu erfinden
Mal sehen was da geht
Das Ende ist nicht in Sicht


*   *   *

Zur Wintersonnenwende

Es ist die Dunkelheit
die alles hüllt
mit ihrer weichen Samtheit
Die aufbrach als ein junger Planet
sein blaues Licht gebar
Die Juwelenbestickt
sich spannt und
himmelweit die Sterne zeigt
Es ist die Dunkelheit
die tröstlich ist und sanft
und in ihrem tiefen Schoß
das Leben trägt
Es ist die Dunkelheit


*   *   *

D i e   S e h e n d e n

Wir sind uns ins Auge gefallen
und einander Sehens-Würdigkeiten;
wir leihen uns das Ohr
und sehen uns an jedem Tag
in einem and’ren Licht;

keine sieht weg,
wenn scheinbar Unsichtbares
sichtbar wird:

für dich,
für mich,
für uns.

Sollten wir uns aus den Augen verlieren,
bleibt in unseren Herzen sichtbar,
was wir gemeinsam sahen.

Erwartungsvoll sehen wir
einem Wieder-Sehen entgegen.


*   *   *

Wer selbst nicht herzlich,
nicht beherzt mehr reagiert,
wie schon zu sehr `verkopft´,
hat kaum Gespür noch
für ein andres Herz,
das übermütig klopft.


*   *   *


DU + ICH
Fest gebunden und umschlossen,
keiner läßt den Anderen los.
WIR
Halten wollen wir uns ewig
und ein Jedem Freiheit lassen.


*   *   *

Die Zeit

Die Zeit will
dass du mit ihr gehst.
Sie drängt,
dass du ihr widerstehst.
Wie immer
du dich auch entscheidest
die Zeit macht,
dass du an ihr leidest.
Wär´s da nicht Sache, sozusagen,
die Zeit
gezielt gleich totzuschlagen?


*   *   *

Mein erster Marathonlauf

LOS – der Lauf beginnt, das Ziel ist noch weit, der Weg beschwerlich.
HALTEN – das Tempo, die Zuversicht, den Willen, die Kraft.
FEST – die Einschätzung, der Glaube, der Körper.
LASSEN – die Freude, der Lohn, der Jubel.
Dies einmalige Glückgefühl!


*   *   *

Die Wirklichkeit tut oft so weh,
weil nicht gemäß ihrer Idee.


*   *   *

Einwandfrei

Ihre Herkunft.
Ihre Zeugnisse.
Ihr Lebenslauf.
Doch ihr Lebenswandel.

Unbeschreiblich.


*   *   *

Bei Rhythmusstörungen
des launischen, unsteten Herzens
sind dessen Wege Stolperpfade.
Da braucht es den achtsamen Verstand
als Gehhilfe.


*   *   *

Septembersamstag

Ich
bin ich
und zwar seit
Samstag.

Supersamstag


*   *   *

Den, der zur Reise aufbricht,
loszulassen,
es ist ein ungeschriebenes Gebot.
Gleich, ob er gehen will
auf munt´re Fahrt ins Blaue,
erfahren möchte neue Horizonte
oder ruhig sich rüsten
für den eig´nen Tod.


*   *   *

Mal mir den Wind ...

Mal mir den Wind
in’s leuchtend rote Haar
und schreib’ die Vielfalt
der Gefühle in das Meer

verführe einen Atemzug
und tanze ihn ans Land
begleite herzschlaglang
die übersinnlich Wege

vertone mir das Wohlgefühl
verlorener Gedankenwelt

und setz’ dein schönstes Lächeln
in den Sand ...