BEIDES – zweite Textauswahl vom 30.08.2014

 

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Es ließe schwerlich sich bestreiten:
Die Wirklichkeit birgt viele Möglichkeiten.
Da sollte keiner sich genieren
bloß eine zu realisieren.

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Montag, der 11. Tag des April des Jahres 2011

Der Mond ist nicht voll
die Gläser nicht leer
schlaf weiter.

Der Himmel setzt Rost an
und moos-grün
schon die Horizont-Linie,

wo flachkantig und großkotzig
ein Reiher sich übt
im Steineklopfen.

Wenn Mädchen die Ananas häuten
und dreiundneunzig Gedanken
freihändig schweben,

wächst Einbildung in Gossen
der Fächer der Freundschaft
zerrissenes Kleid mir,

wo Unruhe nun ruht im Häuserblock
zeichnet auf Dächern ein Hut
seine Konturen, dicht nebenan.

Und weil sie schön ist,
vergilbt nun die Zeit.

Mir fällt das Gebiss in die klapprige Welt
und lauthals begegnen sich
Schande und Schmach.

Am unteren Ende der Stadt
rettet ein Blütenkelch
die aufgehende Sonne.

Das Gewissen am Tisch ohne Stuhl
zerbröselt den neuen Tag
wieder und wieder gewaltsam.

Und so hüte ich an manchen Tagen
die Blumen der Vergesslichkeit
aus heiterem Pflichtgefühl.

Wir alle sind Kinder nur
der Zusammenkunft einer Nacht
trunken und ratlos und ausgesetzt

und weil sie schön ist,
vergilbt nun die Zeit.


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Jetzt hat viele Namen

Nun
heut
heuer
sofort.

Zur Zeit
jetzig
gerade
sogleich.

Im Moment
gerade jetzt
gegenwärtig
augenblicklich.

Von jetzt an
von heut an
fortan
jetzt.

 

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Frieden schließen mit dem was vergangen ist.
Im Hier und Jetzt leben.
Alles Neue mit Freude und Liebe empfangen.

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Farben-Feld

In Hinblick
auf größere
Zusammenhänge
von Zerstörung
und Wiederaufbau
von Verlust
und Annäherung
setzen wir
den ersten Stein
oder hängen ein Bild
an den Zaun
und schauen drüber

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Als flösse das Gewesene aller Jahre
in einem lichten Augenblick
zusammen
Fließt durch dein Blut
und setzt dich wieder auf die unsichtbare Spur
die auf dich wartet –

Geh voran

 

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Noch Zeit

Du redest dir ein
du habest noch Zeit
Du fühlst dich im Aufwind
(wie gut alles geht)
Aber
Wind hat gegengeweht
Aber
Uhrzeiger hat sich gedreht
weiter längst weiter
Zu weit
von dir
Und du kommst zu spät
(wer streckt dir Zeit)
für ein ganzes Gespräch
für ein halbes Gebet
für ein williges Wir.

Tu dir
nicht leid.

 

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nah und fern
eine Beschreibungssuche

Ich bin mir fremd. Ich verstehe mich nicht.
Ich sollte fröhlich sein, ich wollte doch glücklich sein.
Ich bin in meinem geliebten Urlaubsland, in meinem geliebten Ferienhaus, zusammen mit den liebsten Menschen.
Doch es ist ein Wimmern und Schreien in mir. Die Welt fühlt sich wieder wie Watte an.

Das Haus quillt über vor Leuten, aber morgens schlafen noch alle.
Ich bin froh, dass es so ruhig ist, dass ich meinen Gedanken nachhängen kann, auf niemanden eingehen muss. Ich bin wütend, dass ich so allein bin. Da schlafen sie alle noch und lassen mich einsam frühstücken.

Dann steht die Jüngere auf. Sie muss den Hund rauslassen. Ich freue mich, dass ich nun Gesellschaft bekomme. Kaum sitzt sie mir gegenüber, vertiefe ich mich in mein Sudoku, sie in ihr Kreuzworträtsel. Schweigend frühstücken wir. Ich bin froh, dass die Ruhe anhält. Ich bin enttäuscht, dass wir uns nichts zu sagen haben.

So langsam wachen die anderen auch auf, der Frühstückstisch bevölkert sich…
(weiterlesen)

 

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Spiegelungen

Die Wirklichkeit ganz anders sehen
Vorbild
Abbild
Spiegelbild
ein um die Ecke gucken
rückgespiegelt
inspirierend
Fata Morgana
luftig und zerbrechlich
Spiegelung im Glas
Alles was leuchtet und glänzt.

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Die Auferstehung der Steine

Das Licht-Gewand der Großen Göttin,
als Sonne uns vertraut,
haucht jeden Morgen neu
den Ur-Gesteinen ihren Atem ein.

Der Meeres-Gott befiehlt den Winden
das Steine-Streicheln ab und zu;
und wütet er, so reibet
sich am Stein die Zeit.

Augen-Blicke der Bewunderung,
die an der Vielfalt
Schönheit sich ergötzen,
sind den Göttern ein Wohlgefallen –
hierfür verleihen sie Ewigkeit.

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Leben ist Sinken bis zum Ertrinken.
Leben ist Steigen und Sich-Verzweigen.
Leben ist Fallen, Sich-wieder-Erheben,
manchmal ein Beben, seltener Schweben.
Leben ist Trauer, zerbrechlich Gefühl.
Leben ist Schauer, ist Tanz oder Spiel.
Leben lässt kreissen aus Dunkelheit Helle.
Leben tritt nicht monoton auf der Stelle.
Trunken vor Freude, durchwunden von Leid:
Leben ist Selbstwidersprüchlichkeit.

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Erdzeitalter und Eintagsfliegen.
Kein Lachen ohne ein Weinen.
Stimmengewirr, freundlich.

Und deine Hände
malen Liebe in die Luft.

 

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Dilemma I

Eingesperrt
in meine Geschichte
und meine kleine
Zukunft.

Ich komm hier nicht lebend raus.

 

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Es mag das Herz im Wechselschritt
der Liebe
ungemein verwirr´n
bis hin zur Ohnmacht seiner grauen
Zellen gar
das Hirn.